Es war Liebe auf den ersten Blick. Im Eingangsbereich des Duft- und Tastgartens im Botanischen Garten Berlin-Dahlem stand sie da – majestätisch, weiß und von einem Duft umgeben, der einen sofort in seinen Bann zog. Die Madonnenlilie. Sie war einfach vollkommen.
Warum ich Lilien liebe
Lilien begleiten mich schon mein ganzes Leben. Sie erinnern mich an den Garten meiner Mutter, der voller Zauber war. Wenn ich vor den Sommerferien aus der Schule nach Hause kam, begrüßte mich schon an der Straßenecke der herrliche Duft der Lilien, die meine Mutter so liebevoll gepflegt hatte. Dieser Duft war wie eine unsichtbare Brücke zwischen der Welt draußen und dem behüteten Zuhause – ein Versprechen auf warme Sommerabende und die lange ersehnte Ferienzeit.
Doch ist mir aufgefallen, dass die Lilien heutzutage nicht mehr so intensiv zu duften scheinen wie früher. Ist das nur eine verklärt Erinnerung an die Kindheit, oder liegt es vielleicht daran, dass moderne Züchtungen oft auf Optik und Haltbarkeit statt auf Duft optimiert werden? Möglicherweise spielen auch Umweltfaktoren eine Rolle – veränderte Klimabedingungen, andere Bodenverhältnisse oder die zunehmende Luftverschmutzung könnten den Duft beeinträchtigen. Oder verlieren wir in unserer reizüberfluteten Welt einfach die Sensibilität für solche subtilen Sinneserfahrungen?
Doch wie es manchmal bei großen Lieben ist, war sie nicht für die Ewigkeit bestimmt. Nach einer Weile war sie verschwunden. Spurlos. Als hätte es sie nie gegeben – genau wie der intensive Lilienduft aus dem Garten meiner Kindheit.

Eine jährliche Pilgerfahrt
Seither ist es zur Tradition geworden: Jedes Jahr im Juni und Juli, wenn die Zeit der Madonnenlilien gekommen ist, mache ich mich auf den Weg in den Botanischen Garten. Ich durchstreife die gewohnten Pfade, spähe in jeden Winkel des Duft- und Tastgartens, hoffe insgeheim, dass sie vielleicht doch irgendwo aufgetaucht ist.
Vergebens.
Diese jährliche Spurensuche ist zu einem stillen Ritual geworden – einer Mischung aus Hoffnung und Melancholie. Wo ist sie nur hin, meine weiße Schönheit?

Eine traurige Wahrheit
Heute, beim Stöbern auf der Website der renommierten Gaissmayer Gärtnerei, finde ich endlich eine Antwort auf meine Frage – auch wenn sie nicht die ist, die ich mir erhofft hatte. Die Gärtnerei stellt die entscheidende Frage: „Woran mag es liegen, dass sich die Madonnen-Lilie immer rarer macht?“
Die Erklärung ist so einfach wie traurig: „Früher eine häufig gesehene Bauerngartenpflanze, ist sie heute eine seltene Kostbarkeit.“ Was unsere Großmütter noch selbstverständlich in ihren Gärten hatten, ist heute zur Rarität geworden.
Dabei ist die Madonnenlilie ein wahres Juwel: „An Grazie und Charme ist die Madonnen-Lilie aber kaum zu überbieten. Reinweiße, trichterförmige, köstlich duftende Blüten erscheinen im Mai. Bis zu zehn Einzelblüten können sich an einem Stängel befinden.“
Trotz dieser ernüchternden Erkenntnis gebe ich nicht auf. Im Oktober, wenn das Kürbisfest in der Akazienstraße in Berlin-Schöneberg stattfindet, werde ich dort sein. Zwischen den Kürbissen und dem bunten Treiben werden auch die Blumenzwiebelhändler ihre Stände haben. Und dort, zwischen Tulpen- und Narzissenzwiebeln, werde ich nach ihr suchen – nach den Knollen der Madonnenlilie.
Vielleicht ist es naiv, aber ich glaube daran, dass seltene Schönheiten nicht für immer verschwinden. Sie ziehen sich nur zurück, warten darauf, von jemandem entdeckt zu werden, der sie zu schätzen weiß.
Die Spurensuche geht weiter – nur dass sie jetzt vom Suchen zum Bewahren wird.
© Spurensucherin







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