Der Biss fehlte

Der Biss fehlte

Ein Kapitel über „Berliner Künstlerinnen in Vergangenheit und Gegenwart“ wollte ich schreiben. Die Recherche beginnt, Informationen werden gesammelt, Literatur gelesen. Es gab viel zu lesen. Ich erfuhr zum Beispiel, dass es ein Frauenmuseum in Berlin gibt. Davon hörte ich zum ersten Mal. Frauenmuseum? Werden dort Frauen ausgestellt? Nein, natürlich nicht. Künstlerinnen stellen ihre Werke aus. Da das Frauenmuseum keinen festen Sitz hat, wandert es von Bezirk zu Bezirk, von einer kommunalen Galerie zum Kunstpunkt Mitte oder zur Zitadelle Spandau. Ein wanderndes Museum – wie interessant! Es klingt aber nach Mühsal. So ist es auch, sagte Rachel Kohn. Sie ist Bildhauerin, Vorstandsmitglied des Frauenmuseums Berlin e.V. und Mitgründerin des Netzwerks „fair share“. Ich durfte sie interviewen.

Ohne großes Engagement, sagte Rachel Kohn, wären die über 50 Ausstellungen, die das Frauenmuseum seit seiner Gründung 1995 bis heute organisiert hat, nicht zustande gekommen. Warum aber nur Frauen? Die Antwort liegt auf der Hand: Weil Frauen es in der Kunstwelt schwer haben, „sichtbar“ zu werden. Eigentlich sind Frauen in Museen und Galerien allgegenwärtig – auf den Leinwänden oder Sockeln und am besten ohne Kleidung.

Ich hatte keine Ahnung. Mir war nicht einmal bewusst gewesen, dass Frauen in der Kunstwelt deutlich unterrepräsentiert sind, obwohl mehr als die Hälfte der Studierenden an Kunstakademien Frauen sind. Wo bleiben sie nach dem Studium?

Schon 1985 hatte eine anonyme Aktivistinnengruppe, die sich Guerilla Girls nannte, protestiert: „Do women have to be naked to get into the Met. Museum? – Less than 5% of the artists in the Modern Art sections are women, but 85% of the nudes are.“

Wo war ich denn 1985? Ich hatte mich womöglich für Guerilla Gardening interessiert, aber von den Guerilla Girls hatte ich keine Ahnung.

Trotz all dieser Gedanken wollte sich in meinem Kopf noch keine Geschichte formen. Der Biss fehlte noch. Ein Kontrapunkt, sozusagen. Sonst kann ich nicht anfangen zu schreiben. Dann las ich in einem Artikel: Der berühmte Maler Georg Baselitz soll gesagt haben, dass Frauen nicht so gut malen könnten wie Männer. Wow, ist er mutig! Bei uns in Korea würde man sagen, er habe eine geschwollene Leber. Wahrscheinlich sitzt der Todesmut bei den Männern in der Leber, durch die zu viel Wein geflossen ist. Wenn ein Mann zum Beispiel solche Sachen sagt wie Baselitz, fragen Koreanerinnen: Ist seine Leber so geschwollen? Das heißt: Ist er todesmütig? Wollen wir es ihm zeigen?

Jedenfalls wollte ich wissen, wann und wo Baselitz diesen Satz gesagt hat. In einem Interview mit dem Spiegel zu seinem 75. Geburtstag soll es gewesen sein. Ich fand den Interview-Artikel, musste aber ein Abonnement für 12 Wochen abschließen, um ihn lesen zu können. Ein Euro pro Woche.

Georg Baselitz argumentierte, Frauen könnten nicht so gut malen wie Männer. Nicht etwa, weil ihnen das Talent fehle – das gesteht er ihnen zu, seine Schwester hatte mehr Talent als er –, sondern weil ihnen die Brutalität fehle. Seine eigenen Bilder seien „Schlachten“. Und Schlachten gewinne man nicht mit Sanftmut. Man müsse zum Beispiel Gauguin oder Picasso zerrupfen, zerstören und darauf eine neue Malerei erschaffen.

In einem Punkt muss ich ihm recht geben: dass Brutalität oft zum Erfolg führt. Ob man das für richtig hält, ist eine andere Frage. Und ob Malerei und Kunst Schlachten sein sollen, noch eine andere.

Mit Harmonie und Schönheitssinn kann man zwar keine Millionen verdienen. Aber die Frauen haben bewiesen, dass es auch anders geht – vor allem mit vereinten Kräften. Anstelle von brutalen Angriffen und Destruktionen setzen sie auf kluge Argumentationen, die mit Zahlen belegt sind.

Das Frauenmuseum und das Netzwerk fair share haben gezeigt, dass Frauen gemeinsam ungeahnte Kräfte entfalten können. Diese Bewegungen haben tatsächlich Veränderungen bewirkt. Heute bemühen sich auch die großen Museen bewusst darum, den Anteil von Künstlerinnen zu erhöhen, und auf dem Markt steigen die Preise für Werke von Künstlerinnen rapide an.

Das war ein völlig anderer Ansatz als der von etablierten männlichen Künstlern wie Baselitz. Anstatt „brutal zu zertrümmern“ setzten sie auf Solidarität und Systemwandel.

Jetzt kann ich anfangen zu schreiben.

fair share! Umwidmung MdKB _ Foto Anneka. Quelle: https://www.fairshareforwomenartists.de/material/presse/

© Spurensucherin

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Ich bin die Spurensucherin

Ich suche Spuren – in Bildern, in Büchern, in Orten.
Besonders fasziniert mich Maria:
die Madonna in ihrer Wandelbarkeit, zwischen Kultbild und Kunstobjekt, zwischen Symbol und Sehnsucht.
Ebenso begegne ich Büchern, die nicht laut sind, aber lange nachhallen.

Ich schreibe, wenn eine Spur mich ruft.
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Mindestens einmal im Monat halte ich eine dieser Fährten fest – in Wort, Bild und manchmal auch Ton.

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