
Heute ist wieder ein Päckchen von Medimops gekommen. Im ersten Augenblick war ich etwas irritiert, weil ich nicht mehr wusste, welches Buch ich nun wieder bestellt hatte. Mache den gepolsterten Umschlag auf. Ach ja, natürlich, al-Biruni! Und mir fiel zum Glück gleich ein, warum und wieso. Wegen Hobhouse. Ja, die gute Penelope Hobhouse zwingt mich andauernd, Bücher zu kaufen.
Sie hat 1992 ein Buch veröffentlicht. Es heißt Gardening through the Ages, das dann später mit einem anderen Titel, Plants in Garden History herausgegeben wurde. Ich besitze die ältere Version.
Der koreanischer Verlag, DAE-GA Publishing hatte die Idee, dieses Buch ins Koreanisch zu übersetzen. Ein bekannter von mir, Yoon hat den Auftrag zur Übersetzung bekommen. Er hat in England Landschaftsarchitektur studiert. Eines Tages hat er mir eine Mail geschickt, in der er mich bat, mitzumachen. Da das Buch recht umfangreich war, und nur so von Begriffen, Namen und Pflanzennamen durchsetzt war, mit denen man nicht viel anfangen konnte, fühlte er sich überfordert. Wir wären dann zu dritt, schrieb er. Ein junger koreanischer Professor Choi würde die erste sprachliche Übersetzung übernehmen. Er, Yoon selbst würde dann den zweiten Durchgang machen. Ob ich nicht den dritten Durchgang übernehmen wollte? Ich sagte ja. Ich freute mich, es war mir eine Ehre, die Grande Dame der Garden History Hobhouse übersetzen zu dürfen etc. Hinterher habe ich bitter bereut, ja gesagt zu haben.
Das Buch ist ungemein informativ, weshalb ich es auch gern zu den Nachschlagewerken zähle. Aber übersetzen? Das steht auf einem ganz anderen Stern, merkte ich zu spät. Denn, die schon oben genannten Begriffen, Namen und Pflanzen konnte man nicht einfach übersetzen. Man musste viele Dinge und Sachverhalte erklären. Wir arbeiteten zunächst mit Fußnoten und Anmerkungen. Es hatte langsam den Anschein, dass die Anmerkungen länger wurden als der Haupttext. Die Autorin Hobhouse hatte es für nicht notwendig gehalten, die Sache näher zu erklären. Viele Anmerkungen, die zu erwarten waren, fehlten einfach. Diese Arbeit lag schließlich auf meinen schmalen Schultern.
Ein Beispiel. Auf Seite 45 schreibt sie folgendes:
„John Harvey’s analysis of al-Biruni’s list of plants of AD 1050 provides us with a limited idea of which plants may have been cultivated in the eastern Islamic gardens.“((Harvey, John (1976): „Turkey as a Source of Garden Plants“, in: Garden History 4, No 3. p. 30-41))
Ich wusste z. B. nicht, wer John Harvey war und was es mit al-Biruni auf sich hatte. Dazu gibt es keine Anmerkung. Scheinbar musste man sie kennen. Ich jedenfalls kannte sie nicht. John Harvey und al-Biruni habe ich gleich gefunden. Was ist aber mit der Pflanzenliste aus dem Jahr 1050? Sie interessierte mich brennend.
John Harvey hatte scheinbar 1976 im Magazin Garden History einen Artikel veröffentlicht, in dem er die Pflanzenliste, die al-Biruni im Jahr 1050 geschrieben hatte, analysierte. So hatte ich jedenfalls verstanden. Nun begab ich mich auf die Suche. Meine Recherche ergab, dass die Bibliothek am Botanischen Gartens Berlin die Ausgaben ab Nr. 3 1975 besaß. Hurra! Aber Vorsicht! Es gab Bestandslücken. Ich hätte auszuprobieren können, ob nicht gerade die von mir gesuchte Ausgabe fehlte. Das tat ich aber nicht. Sondern loggte mich in JSTOR ein. Ja, sie hatten diesen Artikel.
Ich sah mir den Artikel an. Sehr interessant! Wenn man sich mit der Gartenkunstgeschichte beschäftigt wie ich, und sich für die History der Pflanze interessiert wie ich, sollte man diesen Artikel gelesen haben. Er ist 23 Seiten lang und besteht zur Hälfte aus Pflanzenliste. Akribisch recherchiert und nachvollziehbar erklärt.
Harvey hat aus 5 verschiedenen historischen Quellen eine Pflanzenliste zusammengestellt, die um 1600 als Garten- bzw. Nutzpflanzen gezüchtet wurden:
- al-Biruni; Book on Pharmacy and Materia Medica
- Baburnama, die Biographie des berühmten Mogul-Herrschers Babur. Das Baburnama ist scheinbar (noch) nicht ins Deutsche übersetzt.
- aus einem Arzneibuch, das ein persischer Arzt mit dem Namen Qasin ibn Yusuf von Herat im 15. Jh. geschrieben hat. Auf Arabisch versteht sich, für mich unzugänglich; John Harvey konnte scheinbar gut Arabisch.
- aus dem Pharmacopoea Persica, einem im Jahr 1681 in Paris verlegten Arzneibuch, auf Lateinisch natürlich, ebenfalls noch nicht übersetzt.
- aus dem türkischen Gartenbuch „Revnak-i Bostan (Wunderbare Gärten), verfasst von Ibrahim ibnu’l hac Mehmet um 1600. Hierfür habe ich einen einzigen Hinweis im Internet gefunden, den ich lesen konnte. Auf Türkisch gibt es viele Seiten.
Nun zum al-Biruni. Er, ein Universalgelehrter, der im 11. Jahrhundert schon den Erdumfang ausgerechnet hatte, hat angeblich über 146 Bücher geschrieben, darunter auch eines bzw. mehrere über Pharmazie und medizinische Pflanzen. Da er relativ später, im 19. Jh. in Europa bekannt wurde, gibt es entsprechend wenige Sachen über ihn zu lesen. Über seine Materia Medica hörte ich auch zum ersten Mal. Seine Schriften sind nur teilweise ins Deutsch übersetzt.
Gotthard Strohmaier beschäftigt sich eingehend mit ihm. Strohmaier hatte 1988 insgesamt 98 Schriften von al-Biruni zusammengestellt, übersetzt, kommentiert, mit Anmerkungen versehen und herausgegeben. Dieses Buch bestellte ich dann. Ich wusste nicht, ob die besagten Pflanzen darin erwähnt werden. Es war mir auch egal. Das, was ich über ihn gelesen hatte, – Gotthard Strohmaier hatte 2001 in „Spektrum der Wissenschaft“ einen Artikel über al-Biruni veröffentlicht -, war so interessant, dass ich noch mehr erfahren wollte.
Die 98 Schriften sind nach Themen geordnet und durchnummeriert. Bei den Nrn. 86-98 geht es dann um Pflanzen und Tiere. Schon der Titel des ersten Abschnitts springt sofort ins Auge, “ Grenzen des Wachstums„. Darüber später dann.
Ach ja. Ich hätte fast vergessen, zu erwähnen, dass das Hobhouse-Buch in Korea 2016 veröffentlicht wurde. Eigentlich hätte es mindestens den doppelten Umfang haben müssen. Ich bin mit dem Ergebnis nicht so glücklich. Nicht alle Begriffe und Namen konnten ausreichend erklärt werden. Die koreanischen Leser haben nicht die Möglichkeit, selber nachzuschlagen, da es dort keine Nachschlagewerke zur europäischen Gartenkunstgeschichte gibt. Wie denn auch. Deshalb bin ich dabei, einen Companion dazu zu schreiben. Eine Lesehilfe sozusagen. Meinetwegen ein Lexikon. Mein Ringen mit der guten Hobhouse begann von Neuem.
© Auf den Spuren








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