Aschenputtel: Vaterliebe oder Vernachlässigung?

Zur Weihnachtszeit schaue ich mir gern Märchenfilme an. Weihnachten ist für mich die Zeit der Märchen und des Kerzenlichts. Auch die Disney-Verfilmungen sehe ich mir an – schon wegen der traumhaft schönen Bilder.

In diesem Jahr habe ich mir die Verfilmung Cinderella von 2015 von Kenneth Branagh angesehen, vor allem weil mir das Schauspielerpaar Lily James und Richard Madden sehr sympathisch ist. Cate Blanchett als böse Stiefmutter ist, wie immer, brillant.

Dann gibt es noch den Film Auf immer und ewig 1998, in dem Drew Barrymore ein kluges, belesenes und selbstbewusstes Aschenputtel spielt. Die Geschichte ist am französischen Königshof angesiedelt, damit das Auftauchen von Leonardo da Vinci gerechtfertigt werden kann. Er wird bald Lehrer, Freund und Helfer des Aschenputtels. Diesen Film habe ich mir mittlerweile dreimal angesehen – aus der Not heraus, dass es offenbar keine bessere Verfilmung gibt.

Eine schöne junge Frau, vermutlich königingewordene Cinderella
Cinderilla; or, The Little Glass Slipper of Charles Perrault, Illustration Harry Clarke, 1922

In beiden Filmen heiratet der Vater eine neue Frau mit zwei Töchtern und stirbt kurz darauf. Dieser Umstand rechtfertigt die Handlung der Stiefmutter, die Tochter aus der ersten Ehe ihres Mannes zum Dienstmädchen degradiert. Man denkt unweigerlich: Würde der Vater noch leben, würde sie sich das nicht trauen.

Die Vaterrolle in dieser Geschichte hätte mich dennoch interessiert, zumal die Verfilmung von Kenneth Branagh ihn als einen Vater zeichnet, der seine Tochter über alles liebt. Ach, das arme Mädchen! Der liebende Vater ist auch früh gestorben.

Doch wird er im Original wirklich so beschrieben? Das wollte ich wissen. Gestern las ich – nach Jahrzehnten – wieder die Originalgeschichte der Brüder Grimm. Und ich war geschockt.

Der Vater stirbt gar nicht! Er ist die ganze Zeit da. Mehr noch: Er macht das böse Spiel der Stieftöchter mit.

Zunächst die Geschichte mit dem Mitbringsel:

Es trug sich zu, daß der Vater einmal in die Messe ziehen wollte, da fragte er die beiden Stieftöchter, was er ihnen mitbringen sollte. ‚Schöne Kleider,‘ sagte die eine, ‚Perlen und Edelsteine,‘ die zweite. ‚Aber du, Aschenputtel,‘ sprach er, ‚was willst du haben?‘ – ‚Vater, das erste Reis, das Euch auf Eurem Heimweg an den Hut stößt, das brecht für mich ab!‘
Er kaufte nun für die beiden Stiefschwestern schöne Kleider, Perlen und Edelsteine, und auf dem Rückweg, als er durch einen grünen Busch ritt, streifte ihn ein Haselreis und stieß ihm den Hut ab.
Da brach er das Reis ab und nahm es mit. Als er nach Haus kam, gab er den Stieftöchtern, was sie sich gewünscht hatten, und dem Aschenputtel gab er das Reis von dem Haselbusch.

Er nennt seine leibliche Tochter ebenso Aschenputtel wie seine Stieftöchter.

Und als der Prinz auf der Suche nach der Besitzerin des Schuhs fragt: „Habt ihr keine andere Tochter?“, antwortet der Vater:
„Nein, nur von meiner verstorbenen Frau ist noch ein kleines verbuttetes Aschenputtel da: das kann unmöglich die Braut sein.“

Sieh mal einer an – das ist hochinteressant!

Wie so oft enthalten Märchen eine grausame Wahrheit. In diesem Fall: Die Vater-Tochter-Beziehung im Mittelalter war vermutlich eine ganz andere als heute – oder als es moderne Märchenfilme uns glauben machen wollen.

Und dann seine Haltung gegenüber den Stieftöchtern. Ich muss keine Psychiaterin sein, um zu erkennen, was hier abläuft. Die Stieftöchter sind für ihn schöne, junge, begehrenswerte Frauen, die er mit Kleidern, Perlen und Edelsteinen verwöhnt. Und seine eigene Tochter? Vielleicht nur eine Bürde aus der ersten Ehe?

Ich frage mich, wer hier eigentlich der Böse ist. Und warum er seine Tochter nicht rechtzeitig vorteilhaft verheiratet hat.

Dann wäre diese Geschichte wohl nicht so beliebt geworden und nicht über Jahrhunderte hinweg immer wieder gelesen und erzählt worden. Eine böse Stiefmutter ist eben überzeugender.
Man fragt sich nur: Warum?

Der Prinz sucht die Besitzerin des Schuhs. The fairy tales of Charles Perrault Perrault, Charles, 1628-1703; Illustration von Harry Clarke 1922.

Beim erneuten Lesen der Originalgeschichte drängte sich mir der Gedanke an ein Lolita-Syndrom des Vaters auf – aber das bleibt vorerst eine Vermutung. Dieser Spur möchte ich erst dann weiter folgen, wenn ich wieder Muße dafür habe.

Auch in der französischen Version bei Charles Perrault steht der Vater nicht gut da – er ist präsent, aber moralisch abwesend; erst die modernen Kinofilme trauen sich diese Ambivalenz nicht mehr zu und lösen sie, indem sie den Vater sterben lassen und die Schuld der Stiefmutter überlassen.

Das funktioniert dramaturgisch schnell, moralisch eindeutig – und verschiebt die eigentliche Frage elegant aus dem Blickfeld: Wer hatte Macht, wer hätte handeln können, wer tat es nicht?

© Spurensucher.in/Aschenputtel bzw. Cinderella

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