Zwischen Innen- und Außenwelt

Maritta Adam-Tkalec vs Christa Wolf und die Frage nach dem Ton der Zeit

Vorab: Eigentlich wollte ich diesen Beitrag mit Fotos von Christa Wolf und Maritta Adam-Tkalec bebildern. Doch wegen der Urheberrechte verzichte ich darauf – und wähle stattdessen die Kletterrose ‚New Dawn‘ als Symbol. Eine kleine Geste der Anerkennung für zwei Frauen, die auf sehr unterschiedliche Weise Berlin geprägt haben: die eine als literarische Stimme der DDR, die andere als Journalistin der Berliner Zeitung.

Maritta Adam-Tkalec – Schreiben nach außen

Maritta Adam-Tkalec. Sie ist eine Journalistin mit klaren Sätzen, präziser Beobachtung, pointierter Analyse. Jahrzehntelang schreibt sie für die Berliner Zeitung, kritisch, direkt, immer nach außen gerichtet.

Auf sie aufmerksam geworden bin ich durch ihr Buch Geschichte Berlins in 60 Objekten. Es hat mir in vielerlei Hinsicht die Augen geöffnet – insbesondere, was die Sicht der Ostdeutschen auf die Wiedervereinigung betrifft. Besonders ihr Beitrag über General Nikolai Bersarin war für mich ein Wendepunkt. Seitdem lese ich ihre Artikel regelmäßig und schätze ihre enorme Kenntnis über die Berliner Geschichte ebenso wie ihre persönliche Perspektive auf das Leben in der DDR.

Und in diesem Zusammenhang ist mir wie aus dem Nichts Christa Wolf eingefallen. Warum? Wahrscheinlich, um einen Kontrapunkt zu haben. Oder um einen Grund zu haben, endlich Christa Wolf wieder zu lesen.

Erste Begegnung mit Christa Wolf

Meine erste Begegnung mit Christa Wolf hieß Der geteilte Himmel. Pflichtlektüre im Goethe-Institut, eine Prüfungsvorbereitung. Ich las – und verstand wenig. Vielleicht lag es daran, dass mir das Denken im DDR-System fremd war. Vor allem aber konnte ich mit dem Ton nicht viel anfangen: introspektiv, sentimental, weinerlich. Brrrr. So empfinde ich es bis heute. Wenn ich den Namen Christa Wolf höre, sehe ich immer ein weinendes Gesicht vor mir.

Während mich Marlen Haushofers Die Wand – die andere Pflichtlektüre – von Anfang an gefesselt hat, stieß mich Christa Wolfs Innenwelten-Nabelschau eher ab. Warum soll ich mir fremde innere Gefühle aufzwingen lassen?

Ein neuer Versuch

Und doch: Für mein Berlin-Buch und ein geplantes Interview mit der Journalistin Maritta Adam-Tkalec habe ich mir nun Was bleibt bestellt. Gelesen habe ich es noch nicht – aber ich will. Das gehört zum Projekt der Spurensucherin: nicht fertige Antworten zu präsentieren, sondern mich auf den Weg zu machen, auch dorthin, wo mir zunächst Widerstand begegnet.

Christa Wolf – Schreiben nach innen

Was bleibt gilt als einer der umstrittensten Texte der Wendezeit, erfahre ich. Wolf schrieb ihn 1979, veröffentlichte es aber erst 1990. Es geht um das Leben unter Beobachtung, um die Stasi, um die Frage: Was bleibt von einer Schriftstellerin, wenn sie überwacht wird? Schon bevor ich es aufschlage, ahne ich: es wird wieder um Innenwelten gehen, um das Zögernde, das mich nicht anspricht, gar nervt.

Zwei Stimmen aus dem Osten

Spannend wird es im Vergleich:

Christa Wolf: introspektiv, emotional, manchmal sentimental – eine Autorin, die im Inneren ihrer Figuren den Spiegel der Gesellschaft suchte, so sagt man.

Maritta Adam-Tkalec: journalistisch, analytisch, kritisch – eine Chronistin der Transformation Berlins nach der Wende, mein Eindruck.

Beide Frauen blicken auf dieselbe Zeit, auf dieselben Brüche. Aber ihre Stimmen sind so unterschiedlich, dass es reizvoll erscheint, sie nebeneinanderzuhalten.

Noch habe ich Was bleibt nicht gelesen. Aber es liegt schon auf meinem Tisch. Ich will hinein, diesmal mit einer offenen Haltung, wissend, dass es mich vielleicht wieder nerven wird. Doch genau darin liegt die Spurensuche: mich konfrontieren mit Stimmen, die nicht die meinen sind – um im Kontrast die Vielfalt Berlins, seiner Frauen und seiner Geschichten sichtbar zu machen.

Das Buch von Maritta Adam-Tklec, das mich inspiriert. BeBra Verlag 2023
Was Bleibt von Christa Wolf. Suhrkamp 2007
Was Bleibt von Christa Wolf. Suhrkamp 2007. Das ich noch lesen will. Suhrkamp 2007

© Spurensucherin

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Ich bin die Spurensucherin

Ich suche Spuren – in Bildern, in Büchern, in Orten.
Besonders fasziniert mich Maria:
die Madonna in ihrer Wandelbarkeit, zwischen Kultbild und Kunstobjekt, zwischen Symbol und Sehnsucht.
Ebenso begegne ich Büchern, die nicht laut sind, aber lange nachhallen.

Ich schreibe, wenn eine Spur mich ruft.
Manchmal ist es ein Fresko in einer Dorfkirche, manchmal ein vergessener Eintrag in einem alten Buch.
Mindestens einmal im Monat halte ich eine dieser Fährten fest – in Wort, Bild und manchmal auch Ton.

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