Welche Madonna ist schöner?

Zwischen Zweifel und Schönheit: Electrina von Freyberg und Raffaels „Madonna mit den Nelken“

Ein persönlicher Blick auf eine kunsthistorische Debatte

In der aktuellen Ausgabe der Zeit (Nr. 31, Juli 2025) wird erneut eine kunsthistorische Frage verhandelt, die seit Jahrzehnten Experten beschäftigt: Ist das Gemälde Madonna mit den Nelken in der Londoner National Gallery tatsächlich ein Werk von Raffael?

Die Diskussion selbst hat mich zunächst nicht sonderlich interessiert – zu akademisch, zu spekulativ, zu oft geführt. Oder Sensationslust?

Doch ein Detail hat mich innehalten lassen: die Erwähnung einer Zeichnung von Electrina von Freyberg, die als besonders originalgetreue Kopie in die Argumentation einbezogen wird.

Electrina von Freyberg (1797–1847), eine wenig bekannte, aber herausragende Historienmalerin des 19. Jahrhunderts, fertigte in Rom eine zeichnerische Kopie eben jener Madonna mit den Nelken an. Und diese Zeichnung – so der Tenor im Artikel und auch im begleitenden Fachbuch „72 Virgins“ by Jan Sammer auf Seite 79 – zeigt Merkmale, die dem raffaelschen Stil weitaus näherstehen als das Gemälde selbst, das heute in London hängt.

Was mich besonders fasziniert: Electrina war für ihre akribische Genauigkeit bekannt. Ihre Kopien galten als so detailgetreu, dass sie zu Lebzeiten geschätzt wurden. Das macht ihre Zeichnung zu einem aufschlussreichen Zeugnis dafür, wie das Gemälde um 1820 tatsächlich ausgesehen haben könnte – und vielleicht auch, wie Raffael es einst gemalt hatte.

Dank neuerer Quellen (s. o.) wissen wir mittlerweile auch, wo sie diese Zeichnung angefertigt hat: Während eines zweijährigen Aufenthalts in Rom (1821–1822). Zu dieser Zeit befand sich das Gemälde in der berühmten Camuccini-Sammlung – es war also nicht, wie heute, in einer öffentlichen Institution zu sehen, sondern Teil einer renommierten, aber privaten Kollektion. Dass Electrina Zugang zu diesem Werk hatte und es vor Ort studieren konnte, verleiht ihrer Zeichnung zusätzliches Gewicht.

Ein genauer Blick auf das Londoner Bild

Ich habe mir das Gemälde Madonna mit den Nelken auf der Website der National Gallery London in Ruhe angesehen. Man kann es dort stark vergrößern und viele Details genau betrachten. Umso mehr verwundert mich das Urteil des Altmeister Kurators Nicholas Penny, der gerade das Gesicht der Madonna als „ganz sicher Raffael“ einstuft.

Wenn man einige Raffael-Madonnen im Original oder in guten Reproduktionen gesehen hat, dann kann man beim Anblick dieser Londoner Madonna durchaus skeptisch werden – sogar als Laie.

Umso wertvoller ist es, dass Electrina von Freyberg ihre exakte Zeichnung angefertigt hat. Sie zeigt eine andere – vielleicht ursprünglichere – Version der Madonna. Übrigens: Wenn das Gemälde in London eine Fälschung wäre, wo ist dann das Original? Diese Frage steht weiterhin offen. Denn jeder kann erkennen, dass Electrina nicht das Londoner Gemälde vor Augen hatte beim Kopieren. Denn, sie soll gesagt haben, „Was ich sehe, will ich genau – und würdig wiedergeben.“

Fazit

Normalerweise gehe ich kunsthistorischen Zuschreibungsdebatten eher aus dem Weg. Aber diesmal habe ich mir die Zeichnung von Electrina genau angesehen. Für mich – ganz subjektiv – sieht die Madonna, so wie das Christkind auf ihrer Zeichnung viel eher nach Raffael aus als auf dem Gemälde in der Londoner National Gallery. Ihre Version hat eine Würde und Feinheit, die dem Londoner Bild fehlt.

Leider befindet sich die Zeichnung heute in Privatbesitz und ist nicht öffentlich ausgestellt. Doch allein ihre Existenz macht sie für mich zu einer leisen, aber starken Stimme in dieser Debatte – und zu einem kunsthistorischen Schatz, der mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.

Die Buchseite mit der Zeichnung von Electrina von Freyberg.
Raphael
The Madonna of the Pinks (‚La Madonna dei Garofani‘)
about 1506-7
Oil on yew, 27.9 × 22.4 cm
Bought with the assistance of the Heritage Lottery Fund, the Art Fund (with a contribution from the Wolfson Foundation), the American Friends of the National Gallery, London, the George Beaumont Group, Sir Christopher Ondaatje and through public appeal, 2004
NG6596
https://www.nationalgallery.org.uk/paintings/NG65961

© Spurensucherin

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Ich bin die Spurensucherin

Ich suche Spuren – in Bildern, in Büchern, in Orten.
Besonders fasziniert mich Maria:
die Madonna in ihrer Wandelbarkeit, zwischen Kultbild und Kunstobjekt, zwischen Symbol und Sehnsucht.
Ebenso begegne ich Büchern, die nicht laut sind, aber lange nachhallen.

Ich schreibe, wenn eine Spur mich ruft.
Manchmal ist es ein Fresko in einer Dorfkirche, manchmal ein vergessener Eintrag in einem alten Buch.
Mindestens einmal im Monat halte ich eine dieser Fährten fest – in Wort, Bild und manchmal auch Ton.

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