Unvergessen, Marlene Poelzig

Neulich sprach ich mit einer befreundeten Architektin über Marlene Poelzig. „Nie gehört“, meinte sie achselzuckend. „Aber Hans Poelzig kenne ich natürlich. Sie wird schon vom Namen ihres Mannes profitiert haben.“
Autsch. Dieser Satz ging mir nicht mehr aus dem Kopf.

Also fing ich an zu recherchieren. Wer war diese Frau eigentlich – außer der Ehefrau eines berühmten Architekten?

Ein Haus, das aus dem Rahmen fällt

Ich sah mir das sogenannte „Poelzig-Haus“ in der Tannenbergallee 28 in Berlin-Westend genauer an. Marlenes bekanntestes Werk. Ich klickte mich durch die Bilder – und wurde nachdenklicher. Die Architektur wirkte ungewöhnlich, irgendwie ungezähmt. Mehr wie eine Skulptur als ein Wohnhaus, als hätte sie mit Bauklötzen verschiedener Größe gearbeitet. Irgendetwas daran schien mir nicht so typisch für die damalige Zeit.

Dann las ich, dass Marlene ursprünglich Bildhauerin war. Aha! Plötzlich ergab alles Sinn. Das Haus war keine klassische Architektur – es war ein gebautes Plastik, kantig, mutig.

Mehr als nur „die Frau von“

Marlene Poelzig, Fotograf.in und Datierung unbekannt

Diese Frau war kein „Anhängsel“, sondern hatte ein ganz eigenes Profil. Sie studierte schon 1914 Bildhauerei – zu einer Zeit, in der Frauen an Kunstgewerbeschulen noch eine Seltenheit waren. Als sie später gemeinsam mit Hans Poelzig das „Bauatelier Poelzig“ gründete, war sie mittendrin statt nur dabei. Sie entwarf Innenräume, Möbel, Grabmäler – und war offenbar eine echte Autorität im Atelier. Es gibt sogar die Anekdote, dass Hans Poelzig einem Bauunternehmer gesagt haben soll: „Wenden Sie sich an die Frau Professor – ich habe damit nichts zu tun.“

Das ist doch mal eine Ansage, oder?

Dann kam der Bruch

1936 starb Hans Poelzig. Marlene machte erst mal allein weiter, leitete das Atelier, hielt die Stellung. Doch nur ein Jahr später wurde sie von den Nazis gezwungen, alles aufzugeben. Denn Hans Poelzig galt als Halbjude – und damit wurde auch sein Nachlass politisch heikel. Marlene musste das Haus verkaufen und Berlin verlassen. Sie ging nach Hamburg.

Und dann? Nichts.

Ein halbes Jahrhundert Schweigen

Fast 50 Jahre lebte Marlene Poelzig danach noch – bis 1985. Aber was sie in dieser Zeit machte, weiß man einfach nicht. Keine Ausstellungen, keine Entwürfe, keine Interviews, keine Spur. Hat sie noch gearbeitet? Oder sich ganz zurückgezogen? Die Archive geben nichts her. Als hätte sie aufgehört zu existieren, nachdem sie aus Berlin weg musste.

Das Haus in der Tannenbergallee war lange das letzte noch sichtbare Werk von Marlene Poelzig. 2021 wurde es abgerissen – trotz Protesten. Damals dachte ich: Na ja, vielleicht ist das Gebäude ja wirklich nicht so bedeutend. Jetzt sehe ich das anders. Es war ein Stück Identität. Ein letztes Zeugnis davon, dass es Marlene Poelzig gab – als eigenständige Gestalterin, nicht nur als Ehefrau.

Und jetzt?

Was von Marlene bleibt, ist ein großes Fragezeichen. Vielleicht gibt es irgendwo noch Skizzen, Briefe, Erinnerungen. Vielleicht erzählt irgendwann jemand: „Ach, meine Großtante war mit ihr befreundet.“ Vielleicht taucht eines Tages etwas auf.

Bis dahin bleibt uns vor allem die Erkenntnis, dass Frauen wie Marlene Poelzig öfter einen zweiten Blick verdienen. Und wer weiß – vielleicht inspiriert sie ja doch noch ein paar Architektinnen. Auch wenn sie nie von ihr gehört haben.

PS: Und dann kam doch noch ein Buch

Titel: Haus Marlene Poelzig, Berlin. Abriss und Aufbruch
Herausgeberin: Initiative Haus Marlene Poelzig, vertreten durch Hannah Dziobek und Hannah Klein
Verlag: Urbanophil, Juni 2025
ISBN: 978-3-9824959-6-5

Übrigens: Vor etwa einem Monat ist tatsächlich ein Buch über Marlene Poelzig und das Haus in der Tannenbergallee erschienen. Ich durfte einen kleinen Beitrag über den Garten beisteuern – eine schöne Gelegenheit, auch meine Perspektive einzubringen.

Ein einziges Belegexemplar habe ich bekommen. Und – tja – ich habe es spontan an genau die Freundin geschickt, die so abschätzig gesagt hatte: „Sie wird wohl vom Namen ihres Mannes profitiert haben.“ Ich dachte, sie soll das Buch lesen und vielleicht ihr Urteil überdenken.
Blöderweise… habe ich es verschickt, bevor ich selbst hineingeschaut habe. Reue? Ja. Ein bisschen.

Jetzt warte ich darauf, es irgendwann zurückzubekommen – und hoffe, dass da noch mehr über Marlene selbst drinsteht. Das Inhaltsverzeichnis klingt eher nach: Haus, Architektur, Abriss.

Meine Suche muss also erst mal pausieren. Aber ich bleibe dran.

© Spurensucherin

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Ich suche Spuren – in Bildern, in Büchern, in Orten.
Besonders fasziniert mich Maria:
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Mindestens einmal im Monat halte ich eine dieser Fährten fest – in Wort, Bild und manchmal auch Ton.

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