Ein Bombenwetter!
Und die Stadt war zum Bersten voll. Noch nie habe ich Berlin so laut, lebendig und jung erlebt. Na, vielleicht mit der Ausnahme von der Loveparade damals. Wir, mein Mann und ich haben nicht alle Umzüge miterlebt. Als wir uns durch die Masse hindurch gekämpft und endlich an der Gneisenau Straße standen, tauchte gerade der Umzugswagen Nr. 31 auf. Es handelte sich um die Samba-Percussion-Gruppe Bloco Explosão. Sie protestierten unter dem Motto „Wir wollen nicht die Sparschweine des Karnevals sein“. Das ist scheinbar so zu verstehen; „Unser Bloco steht dieses Jahr unter dem Sternbild des Schweins. Wir treten auf als bunter Sauhaufen und sehen uns als Teil aller armen Schweine dieser Welt. Mit einer gruppenübergreifenden Aktion wollen auch wir darauf hinweisen, dass wir nicht die Sparschweine des Karnevalsumzugs sein wollen. Wer auf der Straße sauguten und unbezahlbaren Samba-Reggae-Groove von Olodum erleben möchte, hat aber Schwein gehabt! Gemeinsam mit dem Tanzteam Step by Step und Freunden tanzen wir den Swingueira: Bloco Explo-Sau!“
Ich habe nicht vor, in aller Ausführlichkeit über das Gesehene zu berichten. Wenn man sonst eine Stubenhockerin ist, erfährt man doch bei solcher Gelegenheit, was gerade angesagt ist. Techno ist schon längst passé, Trommel scheint angesagt zu sein, so weit zu meinem Musikverständnis. Unter tobenden, trommelnden, jaulenden Freudenzügen fiel der Trauermarsch der Veganer um ein Schwein gerade auf. Die jungen Menschen, die sich als Figuren aus den japanischen Mangas verkleidet haben, erzählten mir, dass die Globalisierung an allen Ecken und Enden fortgeschritten ist. Man erinnere sich nur an „Gangnam Style“. Ja, man muss ab und an auf die Straße. Nächstes Jahr werden wir uns besser vorbereiten und an der Gneisenau Strasse einen Balkonplatz sichern.
Das Bombenwetter war schuld. Oder war das nur der Muff des monatelangen Ausharrens am Schreibtisch, aus dem ich nur zu fliehen suchte? Der Trommelschlag dröhnte im ganzen Viertel. Das Bum-Bum ließ auch mein Herz höher schlagen. Trotzdem war es ein eigentümliches Gefühl, dass mein Herz nicht so hoch schlug wie vor zwanzig Jahren. So ist es also. Ich versuchte auch nicht, der Salsa-Gruppe hinterher zu laufen. Hätte ich es tun sollen? Vielmehr interessierten mich die Gesichter, – verschwitzt, geschminkt, aufgeregt, schön, strahlend, abgetanzt, müde und fremd aber vertraut.
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