Marienpflanzen nach Simone Waldauer

Gedanken zur Maria-Verehrung in Bild und Pflanze

Als ich zum ersten Mal nach Polen reiste, war ich erstaunt: An einer Weggabelung stand eine Marienstatue – ganz öffentlich, ganz selbstverständlich.
Ich fragte mich: In Europa, inmitten einer vermeintlich säkularisierten Gesellschaft – was macht dieses kitschige Bildnis hier?

Doch das war nur der Anfang. Später, bei einer Durchreise durch das Baltikum, wiederholte sich dieses Gefühl: Faszination, Befremdung, Staunen, ein wenig peinlich berührt …
Bis heute kann ich nicht genau benennen, was ich damals empfand.

Maria ist (fast) überall

Die Prozessionen in Spanien, die zahlreichen Maria- und Christusfiguren in Bayern – ganz zu schweigen von Venedig – haben meine Neugier weiter geweckt.
Seitdem lässt mich das Phänomen Maria nicht mehr los.

Pflanzen der Maria

Im Zuge meiner Recherchen stieß ich auf etwas Erstaunliches: Es gibt Pflanzen, die traditionell mit Maria in Verbindung gebracht werden – sogenannte Marienpflanzen.
Auf dem bekannten Gemälde Paradiesgärtlein des Oberrheinischen Meisters sind acht solcher Pflanzen dargestellt.

Letztes Jahr habe ich begonnen, diese Pflanzen an verschiedenen Orten zu fotografieren. Die Ausbeute war bislang eher mager, aber ich möchte das Projekt dieses Jahr fortsetzen – sobald die Vegetationszeit beginnt.

Müssen es genau diese Pflanzen sein?

Ob es wirklich exakt diese Arten sein müssen, wage ich zu bezweifeln.
Meiner Meinung nach kann man Maria durchaus auch neuere Sorten „opfern“. Die traditionellen Marienpflanzen sind meist alte Arten, die heute selten geworden sind.

Das Paradiesgärtlein Oberrheinischer Meister, um 1410/20. Städel Museum, Frankfurt am Main

 

Eine seltene Publikation

Simone Widauer, Marienpflanzen: Der geheimnissvolle Garten Marias in Symbolik, Heilkunde und Kunst, AT Verlag, 2009

Als Grundlage diente mir die Publikation „Marienpflanzen“ von Simone Widauer. AT Verlag 2009. Erstaunlicherweise ist es die einzige Veröffentlichung zu diesem Thema, die ich finden konnte.
Vielleicht wirkt das Thema Maria zu „abgenutzt“, um Pflanzenfachautor:innen zu begeistern. Für mich aber ist es gerade spannend: Wie sich die Symbolik der Pflanzen im Laufe der Zeit von alten Göttern zu neuen überträgt, fasziniert mich sehr.
Götter haben es eben auch nicht leicht!

Mein Selbstversuch im Botanischen Garten

Ich wollte es genau wissen – und suchte gezielt nach den acht Pflanzen, die Simone Wildauer in ihrem Buch anhand von Ikonenbildern beschreibt.
Zum Glück wurde ich im Botanischen Garten Berlin-Dahlem fündig. Nur die Blütezeit des Duftveilchens hatte ich leider verpasst. Die Madonnenlilien, die ich im Eingangsbereich des Duft- und Tastgartens entdeckte, waren ein echtes Highlight – sie wirkten geradezu magisch.

Mittelalterliche Symbolik

nteressant ist auch, dass Symbolpflanzen in Marienbildern fast ausschließlich im Mittelalter dargestellt wurden.
In der Renaissance verlieren sie an Bedeutung. Eine Ausnahme bildet die Lilie in den Verkündigungsdarstellungen, etwa bei Leonardo da Vinci: Sein Engel Gabriel hält den Lilienzweig fast lässig in der Hand (ca. 1475).
El Greco (1575) verzichtet hingegen ganz auf die Blume.

Ein spannendes Thema – aber eines für ein anderes Kapitel.

Lektüretipp: Gärten des Mittelalters

Wer sich für die Pflanzenwelt in historischen Darstellungen interessiert, dem sei das Buch „Gärten des Mittelalters“ von Dieter Hennebo empfohlen.
Es liest sich zwar nicht leicht, ist aber ein äußerst hilfreiches Nachschlagewerk.

Zitat aus Simone Wildauers Buch

„Bezüglich der Marienpflanzen ist vor allem das Naturverständnis des Spätmittelalter wichtig. Die Gärten und Attributpflanzen von Maria sind in den Werken dieser Zeit stets naturgetreu wiedergegeben. Darin spiegelt sich bereits ein gewisser Stolz über die neu gewonnenen Erkenntnisse und die junge Wissenschaft der Medizin, der sich auch in den zahlreich erscheinenden Kräuterbüchern zeigt. Diese Entwicklung begann im Hochmittelalter des 11. Jahrhunderts mit den Medizinschulen von Salerno und Toledo. Dort wurden arabische Texte übersetzt und so neue Erkenntnisse gewonnen, die wichtige Impulse in die abendländische Pharmazie und Medizin einfließen ließen.Die meisten Marienbilder sind eine Mischung aus dem Geist des Mittelalters und seinem magischen Denken und der Freude an der neu aufkommenden genauen Naturbeobachtung. Je nach Bildtypus wird Maria als Meerstern (Stella Maris), als eine mit ihrem Mantel schützende Allmutter, als eine mit Edelsteinen übersäte Himmelskönigin, als eine Fruchtbarkeitsgöttin mit Ährenkleid, als eine mit Blättern und Blumen gekrönte Königin oder als in einem Rosengarten sitzende liebende Mutter (sic: Maria in Rosenhag) dargestellt. “ (S. 27)

Die 8 Marienpflanzen nach Simone Wildauer

  1. Gänseblümchen (Bellis perennis L.)
  2. Veilchen (Viola odorata L.)
  3. Rose (Rosa canina L.)
  4. Pfingstrose (Paeonia officinalis L.)
  5. Madonnen-Lilie (Lilium candidum L.)
  6. Walderdbeere (Fragaria vesca L.)
  7. Schwertlilie (Iris germanica L.)
  8. Akelei (Aquilegia vulgaris L.)

© Jeonghi Go

Hinterlasse einen Kommentar

Ich bin die Spurensucherin

Ich suche Spuren – in Bildern, in Büchern, in Orten.
Besonders fasziniert mich Maria:
die Madonna in ihrer Wandelbarkeit, zwischen Kultbild und Kunstobjekt, zwischen Symbol und Sehnsucht.
Ebenso begegne ich Büchern, die nicht laut sind, aber lange nachhallen.

Ich schreibe, wenn eine Spur mich ruft.
Manchmal ist es ein Fresko in einer Dorfkirche, manchmal ein vergessener Eintrag in einem alten Buch.
Mindestens einmal im Monat halte ich eine dieser Fährten fest – in Wort, Bild und manchmal auch Ton.

Let’s connect